Wie ich wieder riechen lernte: Erfahrungen mit Riechtraining nach Riechstörung

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Wie sehr der Geruchssinn den Alltag prägt, merkt man oft erst, wenn man ihn plötzlich verloren hat. Zumindest fast: Im Februar 2025 hatte ich nach einer Influenza-Infektion mit einem massiven Geruchsverlust zu kämpfen. Schätzungsweise 80% meines Riechvermögens waren mit einem Mal verschwunden. Damit bin ich vermutlich nicht die einzige: Covid- und Influenza-Viren können die Riechzellen so sehr schädigen, dass man monatelang beeinträchtigt sein kann. Eine Vielzahl der Riechstörungen sind jedoch reversibel.  So war es zumindest bei mir. Aber man muss schon etwas dafür tun. In diesem Beitrag erzähle ich dir, wie ich Schritt für Schritt meinen Geruchssinn zurückerlangt habe. Hoffentlich kann ich dir, liebe Leserin und lieber Leser, Mut machen und etwas Orientierung geben in dieser herausfordernden Zeit.

Ein paar Begriffe und etwas Expertenwissen

Was ist eine Riechstörung?

Riechstörungen heißen in der Fachsprache Dysosmien (aus dem griechischen von dys: gestört und osme: Geruch). Es handelt sich also um eine gestörte Geruchswahrnehmung, die temporärer oder dauerhafter Art sein kann.

Ich bin mit der Diagnose Hyposmie (weniger riechen) aus der HNO-Praxis gekommen, allerdings gesellten sich in meinem Regenerationsprozess auch noch die Parosmie (verzerrte Gerüche) und Phantosmien (eingebildete Gerüche) hinzu. Kann man überhaupt nichts mehr riechen, so wird dies als Anosmie bezeichnet.

Ursachen für Riechstörungen: Die Ursachen für Riechstörungen sind vielfältig und sollten immer medizinisch abgeklärt werden. Infrage kommen können Entzündungen und Erkrankungen von Nase und Nasennebenhöhlen (z.B. auch Polypen), Schädigung der Riechzellen und/ oder des Riechnervs (wie z.B. nach Covid- oder Influenzainfektionen, aber auch Schädel-Hirnverletzungen), bestimmte Medikamente oder Gifte sowie neurodegenerative Erkrankungen wie z.B. Morbus Parkinson oder Alzheimer.

Eine langwierige Geschichte

Mein HNO bestätigte mir nach der Untersuchung, dass organisch soweit alles in Ordnung sei, aber dass ich mich auf einen langen Regenerationsprozess einstellen könne. In den nächsten 12 Wochen sollte ich, wenn alles gut läuft, leichte Fortschritte bemerken; bis alles wieder hergestellt sei – was mir leider niemand versprechen könne – könnte es Monate bis Jahre dauern. Viel machen könne man da nicht, es brauche vor allem Geduld.

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Warum dauert das so lange?

Wie Riechzellen geschädigt werden und wie sie sich regenerieren

Nun war ich erstmal einigermaßen beruhigt, dass organisch alles okay war, gleichzeitig konnte ich mir aber nicht erklären, warum ich immer noch fast nichts riechen konnte. Wenn meine Nase verstopft ist und ich nichts rieche, dann kann ich das nachvollziehen. Ist sie wieder frei, kommt der Geruchssinn zurück. Warum war das hier anders? Meine Nase war frei, die Entzündung abgeklungen, ich war wieder gesund, aber meine Riechzellen offensichtlich nachhaltig geschädigt.

Das musste ich erstmal recherchieren. Das Phänomen postviraler Riechstörungen wurde vor allem durch das Aufkommen des SARS-CoV-2-Virus erforscht, man geht aber davon aus, dass bei Influenzaviren Ähnliches geschieht. Das Virus greift meist nicht die Riechzellen selbst, sondern ihre Versorgungseinheit, die sogenannten Stützzellen an. Das führt dann im zweiten Schritt dazu, dass sich die Riechneuronen entzünden und absterben.

Aus basalen Stammzellen werden dann im Regenerationsprozess neue Stützzellen und neue Riechzellen gebildet. Diese Erneuerung dauert ungefähr 4-8 Wochen, doch danach ist längst noch nicht alles wie vorher. Die Reorganisation im Bulbus olfactorius (Riechkolben) kann deutlich länger dauern als die reine Zellneubildung. Das erklärt gut, warum Fortschritte schubweise kommen. Die Axone der neugebildeten Riechzellen brauchen Wochen bis Monate, um wieder korrekt mit dem Gehirn verdrahtet zu werden. Dabei kommt es auch häufig zu Fehlschaltungen (Parosmien und Phantosmien, dazu später mehr).

Vereinfacht gesagt muss das Gehirn in der Zeit das Riechen erst wieder erlernen, weswegen Riechtraining so wichtig ist. Bei mir hält dieser Prozess auch ein knappes Jahr nach der Infektion noch an. Zwar funktioniert mein Geruchssinn wieder einigermaßen normal und ich fühle mich im Alltag nicht mehr eingeschränkt, aber ich habe immer noch Phasen von Phantosmien. Einige Gerüche riechen noch nicht wieder wie vorher und manche rieche ich tatsächlich noch immer nicht.

Mein Startpunkt nach Genesung

Startpunkt: Geruchsverlust nach Influenza

Die Grippe hatte mich ziemlich im Griff. Zwei Wochen lang ging es mir richtig schlecht. In der Aktutphase der Erkrankung wurde mir mein fehlender Geruchssinn nicht sofort bewusst. Der Kaffee schmeckte mir nicht und überhaupt hatte ich krankheitsbedingt wenig Appetit, aber ansonsten war ich erstmal damit beschäftigt, wieder gesund zu werden.

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Zwei Wochen nach Influenza

Ich kann mich allerdings noch an den Moment erinnern, an dem ich ungefähr zwei Wochen nach Ausbruch der Influenza bemerkte, dass etwas anders ist. Beim Kochen hatte ich frischen Knoblauch und Zwiebeln verwendet und mit den Händen geschält und geschnitten. Irgendwann später roch ich an meinen Fingern und bemerkte: nichts. Nicht den Hauch eines Geruchs, dabei ist das ja ein ziemlich penetranter Geruch, der Stunden und Tage später noch wahrnehmbar ist. Ab da wurde ich wachsam.

Eigentlich bin ich ein Mensch mit einer sehr feinen Nase und einem sehr ausgeprägtem Geruchsinn: dass eine Zitrone im Obstkorb verschimmelte, konnte ich früher bereits riechen, wenn ich nur die Wohnung betrat. Ich war total gut im Parfum erkennen und insgesamt ein Mensch, der Gerüche und Emotionen verknüpfte. Und nun war da fast gar nichts mehr:

Mein Duschgel war geruchlos geworden und bei meiner geliebten Rituals-Handseife nahm ich allenfalls ein frisches Gefühl wahr. Nach und nach realisierte ich, dass ich keinerlei Raumdüfte mehr wahrnahm. Weder die feinen subtilen Raumgerüche, noch so etwas offensichtliches wie frisch gekochten Kaffee. Viel gravierender: ich nahm nicht nicht mal den typischen Duft der Kopfhaut meiner Tochter wahr. Ich konnte nicht erkennen, ob ein Handtuch frisch gewaschen war oder dringend in die Wäsche musste. Muss das T-Shirt in die Wäsche oder geht das noch? – Ich hatte keine Ahnung. Ich gab mir selbst 4 Wochen Zeit, bis ich beim HNO-Arzt vorstellig wurde.

Vier Wochen nach Influenza

In der Praxis wurde neben einer organischen Untersuchung auch ein Geruchs- und Geschmackstest gemacht. Konnte ich alle vier Geschmacksrichtungen (süß, sauer, salzig, bitter) problemlos am Geschmack erkennen, sah es beim Riechtest düster aus. Zitrone erkannte ich, wenn auch schwach, bei Ananas assoziierte ich Kinderkaugummi, aber viel mehr Treffer hatte ich nicht. Kaffee nahm ich noch einigermaßen wahr, hatte aber eher Schokoladen-Assoziationen, aber der Rest war Fehlanzeige. Vor allem Essig roch ich einfach gar nicht.

Durch den Geruchstest beim HNO wachsam geworden, begann ich mich zuhause durch den Küchenschrank zu riechen. Und tatsächlich: ich roch an einer Flasche Essigessenz und nahm außer einem Brennen in Augen und Nase absolut nichts wahr. Und ich war echt dicht dran! Das erklärte auch, warum ich Schweißgeruch überhaupt nicht wahrnahm. Nun könnte man sagen, dass der Geruch von Schweiß echt verzichtbar ist, aber das bedeutete auch, dass ich zunehmend unsicher wurde, weil ich ja selbst schon gern wissen würde, ob ich nach Schweiß rieche.

Mut machte mir in dieser Zeit, dass ich ja nicht „nichts“ roch. Es gab Düfte, die ich ziemlich früh wieder wahrnahm, z.B. den Geruch von Holz oder den Geruch frisch gekochter Kartoffeln. Zwar konnte ich Orangen und Zitronen nicht so zuverlässig unterscheiden, dennoch nahm ich das zitrische Aroma wahr. Darauf hoffte ich aufbauen zu können. 

Eine emotionale Belastung

Warum Riechen so wichtig ist

Riechen ist nicht nur für passionierte Foodies ein wichtiger Sinn. Er ist zum einen eng mit Emotionen verknüpft. So hatte ich z.B. schon immer die Tradition mir ein besonderes Duschgel für den Urlaub zu kaufen, eines, das ich im Alltag nicht verwende. So wird der Duft zu einem Ankerpunkt für die Urlaubserinnerungen. Und ist es nicht ein tolles Gefühl, wenn die Luft im Frühling endlich wieder nach etwas riecht? Düfte können bewusst zum Entspannen eingesetzt werden.

Zum anderen ist Riechen auch wichtig für ein Gefühl der Sicherheit. Ist das Essen verdorben? Verströmt hier Gas? Brennt es? Ist mein Gegenüber vielleicht krank? — Vor meiner Erkrankung habe ich z.B. häufig bereits am Atem meiner Tochter gerochen, dass sich gerade ein Infekt anbahnt.

Nach und nach wurde mir der Impact meines Geruchsverlustes deutlich und ich hatte ziemliche Panik. Was, wenn das so bleibt? Da ich alles dran setzen wollte, meinen Geruchssinn wieder zu verbessern, begann ich mit gezieltem Riechtraining. Ich bestellte mir ein Riechtraining Set und begann zu trainieren. 

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SOS Riechtraining Set mit Riechgläsern
SOS Riechtraining Set mit Riechgläsern

SOS Riechtraining Set mit Riechgläsern

Was ist Riechtraining?

Üben mit dem Riechtraining Set

Ein Riechtraining Set besteht in der Regel aus vier, manchmal sechs Düften, an denen man regelmäßig schnuppern sollte. Ich habe dieses Riechtraining Set benutzt und mit den Düften Rose, Nelke, Eukalyptus und Zitrone geübt. Anfangs war ich schon stolz, dass ich alle vier wenigstens unterscheiden konnte. Damit meine Fantasie und mein Wille mich nicht betrügen, habe ich anfangs sogar Blindtests gemacht.

Zitrone war dabei ein bisschen mein Rettungsanker, ich mag den Duft und hab gedacht: „wenigstens gibt es einen Duft, den ich riechen kann und mag“. Der ziemlich starke Nelkenduft war für mich anfangs total schwach. Meine Familie neben mir auf dem Sofa sagte ein, zwei Meter entfernt schon „puh, ist das intensiv“ und ich war froh, dass ich es wahrnehmen und unterscheiden konnte, wenn ich meine Nase direkt darüber gehalten hab.

Anfangs habe ich zweimal täglich geschnuppert. Ich habe ganz bewusst daran gerochen, mir den Duft dabei vorgestellt. Durch Assoziationen mit Bildern und Wörtern prägt sich der Dufteindruck tiefer ein. Dadurch werden Riechzentren im Gehirn stimuliert und die Regeneration verbessert. Zwischen den Düften habe ich einige bewusste Atemzüge gemacht, um mich wieder neu einstellen zu können. Später habe ich mir noch ein Zimtöl und ein Lavendelöl dazu genommen, um neue Reize zu setzen und schwierige Düfte gezielt zu üben. Mit fortschreitender Regeneration habe ich auch manchmal wochenlang gar nicht geübt.

Vor allem als ich unter lang anhaltenden Phasen von Phantosmien gelitten habe, habe das Training wieder aufgenommen, da ein echter Riechreiz die Phantosmie kurzzeitig stillgelegt hatte. Ich war überrascht, wieviel besser ich über die Monate geworden war.

Ergänzend hatte mir mein HNO-Arzt ein Vitamin-A-haltiges Nasenöl empfohlen, sinnvoll kann aber auch die Einnahme von Omega-3-Präparaten sein, da sie Studien zufolge nervenschützend und entzündungshemmend wirken. Wir verwenden diese veganen Omega-3-Kapseln aus Algenöl.

Erste Erfolge

Erste Erfolge: Freude über jeden Geruch

Tatsächlich freute ich mich in den folgenden Wochen über jeglichen Geruch. Sogar der Geruch des Kuhstalls, der ein paar Hundert Meter von unserem Zuhause entfernt steht und den man je nach Windrichtung manchmal riechen kann, löste Freude in mir aus. Zitrone konnte ich zuverlässiger von Orange unterscheiden und im April nahm ich zum ersten Mal in einem Raum, den ich betrat, den Duft von frisch gebrühtem Filterkaffee wahr. 

Riechtraining nach Riechstörung
Riechtraining nach Riechstörung

Parfums konnte ich langsam wieder riechen, allerdings erschienen sie mir unvollständig. Ich konnte bekannte Parfums zuordnen, sie waren für mich aber wie ein Puzzle, wo einige Teile noch fehlten. Man kann erkennen, was auf dem Bild zu sehen ist, aber da sind Lücken. 

Ziemlich bald bemerkte ich aber noch ein weiteres Symptom, was zum einen für Fortschritte im Regenerationsprozess stand, aber auch ziemlich nerven konnte: Phantosmien. 

Olfaktorische Halluzinationen

Warum Phantosmien eigentlich ein gutes Zeichen sind

Phantosmien sind eingebildete Gerüche, die man wahrnimmt, obwohl es dafür keine echte Geruchsquelle gibt. Und leider sind diese Gerüche meist unangenehmer Art. Das hat folgenden Hintergrund: Das Gehirn springt auf instabile oder neu verschaltete Signale extrem an. Das ist evolutionär gesehen auch sinnvoll, denn die Warnung vor Feuer, Gas, Verdorbenem oder Krankheiten war evolutionär extrem wichtig. Wenn jetzt im Verlauf der Regeneration langsam Gerüche zurückkehren, aber noch unvollständig sind, interpretiert das Gehirn dieses neuronale Rauschen mal lieber vorsorglich als Gefahr.

Die Folge sind Phantosmien, die unangenehm riechen. Bei mir traten immer wieder Phasen von Phantosmien auf. Vor allem zuhause, wo es wenig starke Reize gab und wo es aber eine Vielzahl von subtilen Reizen durch Elektrogeräte, Textilgerüche von Sofapolstern, Mülleimer und Abflüsse, sind sie bei mir aufgetreten. Einige Wochen hatte ich abends auf dem Sofa immer das Gefühl, dass es nach Pups riecht. Es folgten immer wieder weitere Phasen, die mehrere Tage bis Wochen anhielten:

  • Der Geruch, der sich im Auto einstellt, wenn man die Klimaanlage wieder ausstellt
  • Der Geruch, den eine fertige Spülmaschine verströmt
  • Gasgrill-Geruch
  • Zigarettengeruch
  • Sauerteiggeruch
  • Backofen-Geruch kombiniert mit einer chemischen Note

Diese Gerüche kamen vor allem in Ruhephasen, z.B. abends auf dem Sofa. Auch das macht evolutionär gesehen Sinn, denn in solchen Phasen ist das Gehirn hypersensibel für Warnsignale. Trotzdem war es mitunter sehr nervig und störend.

Abhilfe hat hier zeitweilig das Schnuppern an den Dosen aus dem Riechtraining Set geschaffen, aber das hielt häufig nur kurz an und war auch nicht ständig verfügbar. Im weiteren Verlauf habe ich mir angewöhnt, an meiner Handinnenseite zu riechen. Hier war meist noch ein Rest Seife, Creme oder auch Essensgerüche wie z.B. vom Mandarine pellen, Knoblauch schälen etc. übrig, die einen echten Riechreiz gesetzt und mein hyperaktives Riechsystem kurz zur Ruhe gebracht haben.

Was mir letztlich am meisten geholfen hat, dieses Symptom gelassen zu akzeptieren, war das Wissen, dass Phantosmien ein Zeichen für die Erholung meines Geruchssinns sind. Diesen Phasen folgten meist spürbare Besserungen. Mein Gehirn hat also registriert, dass neue Rezeptoren gebildet worden sind, die jedoch noch nicht voll funktionstüchtig waren. Die Leerstellen hat es übereifrig mit diesen Phantosmien gefüllt.

Warum Handkäs nun nach Rosmarin schmeckt

Parosmien

Ein weiteres abgefahrenes Symptom auf meiner Reise waren Parosmien, das sind verzerrte Geruchseindrücke. Vielleicht kennst du es, dass der Kaffee komisch schmeckt, wenn du krank bist. Meist verschwindet so etwas schnell wieder, bei mir stellte es sich aber im Verlauf meiner Regeneration ein.

Essig war ja für mich lange überhaupt nicht wahrnehmbar. Ich habe schlicht und einfach nichts gerochen, wenn ich z.B. an Essig Essenz geschnuppert habe. Nach etwa einem halben Jahr kam das jedoch zurück. Allerdings roch der Essig nicht so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Das liegt daran, dass Essig ein komplexer Geruch ist und bei mir Anteile, aber noch nicht der vollständige Geruch zurückgekehrt sind. Momentan riecht Essig für mich nach Käsefüßen.

Und so erklärt sich auch, warum Handkäs für mich momentan nach Rosmarin schmeckt. Normalerweise riecht er ziemlich stinkig, dafür sind vor allem Isovaleriansäure und Buttersäure verantwortlich, Ammoniak und Aminverbindungen sorgen für einen stechenden Geruch, hinzu kommen Schwefelverbindungen und krautige Ester. Ein gesundes Riechsystem ‚überriecht‘ diese krautigen Ester normalerweise, weil die vorher genannten dominant sind. Fehlen aber einige dieser stinkigen Stoffe, nimmt man auch die feinen krautigen Düfte wahr. Es ist einfach ein Zeichen dafür, dass noch nicht alles regeneriert ist.

Fast am Ziel

Wo ich nach einem Jahr stehe

Gerne würde ich jetzt sagen, dass ich es geschafft habe, dass alles wieder so ist wie vorher. Das stimmt leider nicht. Allerdings bin ich auf einem guten Weg. Es gab gerade im Sommer ein paar Meilensteine. Vor allem unsere vierwöchige Reise nach Kanada mit dem Wohnmobil hat mir offenbar gut getan, denn als wir wieder zuhause waren, hab ich zum ersten Mal wieder den typischen Zuhause-Geruch wahrgenommen.

Kanada-Glacier
Kanada-Glacier

Weitere Meilensteine waren

  • zum ersten Mal wieder den typischen Kopfhautgeruch meiner Tochter riechen
  • Bärlauchduft im Wald
  • Petrichor (der Duft, der Sommerregen auf der staubigen Erde hinterlässt)
  • Reise-Gerüche: Meer, Nadelwald und Lagerfeuer
  • der Duft von Steinpilzen im Wald
  • die Duftstäbchen im Zimmer der Kollegin
Achtsamkeit im Alltag fb

Über jeden einzelnen dieser Fortschritte habe ich mich riesig gefreut und irgendwann im Sommer hab ich mich dann auch nicht mehr „eingeschränkt“ gefühlt und es kam der Moment, in dem ich dachte: „Wenn es jetzt so bleibt, dann ist es keine Katastrophe“. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sich mein Geruchssinn immer noch regeneriert. Was immer noch schwierig ist:

  • Parosmien, allerdings hielten sie in letzter Zeit nicht mehr so lang an.
  • Zimtgeruch: inzwischen nehme ich den Eugenol-Anteil deutlicher wahr und es riecht etwas süßlich-warm und nicht mehr ausschließlich staubig, aber ich vermute, dass ich Zimt im Blindversuch nicht sicher erkennen würde.
  • Essig ist immer noch nicht vollständig.
  • Schweißgeruch ist noch nicht komplett, die säuerlichen Anteile fehlen, ich rieche eher die würzigen maggi-artigen Anteile.
  • Hundekot nehme ich fast immer noch nicht wahr, was allerdings wirklich kein Verlust ist – es sei denn man hat ihn unbemerkt unterm Schuh. 😉
  • Emotionale Geruchserinnerungen (auch als Proust-Effekt bekannt) fehlen noch: Gerüche lösen seit der Infektion noch nicht wieder spontanen Erinnerungsbilder oder das typische wehmütige „Zurückgeworfenwerden“ in frühere Situationen aus. Ich kann die Gerüche wahrnehmen, benennen und mich oft auch rational erinnern, woher ich den Duft kenne, aber eben (noch) nicht emotional. 

Hilfreiches und Mut machendes

Was mir geholfen hat

Natürlich kann ich dir hier nur von meinen Beobachtungen erzählen. Wer weiß, ob ich meine Fortschritt auch ohne Riechtraining Set und Omega-3-Kapseln gemacht hätte. Hier habe ich mich auf weit verbreitete Ratschläge verlassen. Und ehrlich: in dieser Situation hätte ich nach so ziemlich jedem Strohhalm gegriffen. 

Mental war für mich wichtig, mir viel Wissen über meine Riechstörung anzueignen. Es hat mir außerdem gut getan, das Ganze zu dokumentieren. Dies habe ich zunächst gar nicht mit der Absicht getan, einen Blogbeitrag darüber zu verfassen. Ich hatte schon ziemlich bald einen Thread bei ChatGPT begonnen, in dem ich meine Erfahrungen dokumentiert habe und von ChatGPT Mut machende Worte und eine Einordnung bekommen habe. Das hier genannte medizinische und biologische Hintergrundwissen habe ich jedoch nochmal separat recherchiert und geprüft. 

Auf diese Weise konnte ich die nötige Geduld und Akzeptanz aufbringen. Durch das angelesene Wissen konnte ich auch bei Phantosmien und Parosmien die Ruhe bewahren, da ich sie positiv rahmen konnte als Zeichen von Regeneration und Fortschritt. 

Und tatsächlich tat unsere große Reise gut. Hier konnte ich zur Ruhe kommen und meine Nase hatte genug neue Reize. 

Es ist gut, dass ich nicht von Anfang an wusste, was da auf mich zukommt und wie lange es dauern wird. Ein Blogbeitrag wie dieser hätte mir jedoch sehr geholfen. Und so hoffe ich, dass ich dir mit diesem Text Mut machen kann. Es tut gut zu wissen, dass man mit solchen Struggles nicht allein ist. Wir freuen uns hier immer über Kommentare, aber in diesem Fall besonders. Erzähl mir von deinen Erfahrungen mit Riechstörungen und Riechtraining. 

Erzähle uns (und anderen) gerne von deinen eigenen Erfahrungen zu Riechtraining und Riechstörung! Oder hast du Fragen oder andere Anmerkungen? Wir freuen uns über jeden Kommentar!

Dieser Beitrag wurde am 20. Januar 2026 veröffentlicht oder aktualisiert.